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Walhalla

  • Autorenbild: Karim
    Karim
  • 23. Jan.
  • 3 Min. Lesezeit

Ich erinnere mich noch genau an das erste Mal, als Martin vor mir stand.Ein Mann, gut zwei Köpfe größer als ich, mit einer Statur, die an einen Wikinger erinnerte: Kraftvoll, breit, präsent. Nur die Brille auf seiner Nase passte nicht ganz in dieses Bild. Sie verriet etwas Zartes, Nachdenkliches.


Während er das Behandlungsformular unterschrieb, stützte er sich schwer auf der Theke ab. Nicht aus Unhöflichkeit, sondern aus Notwendigkeit. Jeder Positionswechsel war mühsam. Schmerzen begleiteten ihn seit Jahren. Sie waren kein akutes Problem mehr, sondern ein ständiger Zustand.


Martin war einer jener Patienten, bei denen klassische Schmerzmittel kaum Wirkung zeigten. Als hätten seine Schmerzrezeptoren beschlossen, sich nicht mehr beeindrucken zu lassen – weder von Tabletten noch von gut gemeinten Ratschlägen. Chemie prallte an Biologie ab.

Er war Reisender. Wenn er von unterwegs erzählte, leuchteten seine Augen. Und diese Bewegung, die dieses Reisen mit sich brachte war für ihn paradox: schmerzhaft – und doch lebensnotwendig und seine ganz große Leidenschaft. Stillstand war schlimmer als jeder Kilometer, der ihn weiter in die Ferne führte.


Die Leidenschaft des Reisens einte uns. Ich liebte seine Erzählungen wie er den hohen Norden Norwegens mitten im Winter bereiste. Genau dann, wenn es weit über Minus 25 Grad hat und die Tage ganz kurz sind.


„Weißt Du, dort oben ist es ganz still. Da bin nur ich und diese unglaubliche Stille. Wenn es dann so kalt ist, spüre ich meine Schmerzen viel weniger. Es ist ein Zustand, der mir so unglaublich gut tut.“


Über Weihnachten verreisten meine Frau und ich mit dem Wohnmobil nach Südspanien und Portugal. Martin war zum gleichem Zeitpunkt in Norwegen unterwegs. Ich bewunderte seine Bilder im Status von WhatsApp. Rau und schroff die Lofoten mit einer leichten Puderschicht von Schnee auf den Bergen. Dem starken Kontrast der roten Holzkirche zu ihrer Umgebung. Wir standen immer wieder in Kontakt und erfreuten uns gegenseitig daran jeden Tag festzustellen, was der andere gerade erleben würde.


Es kommt Neujahr.

Am 29. Dezember erhalte ich eine letzte Nachricht von Martin. Nichts Ungewöhnliches. Kein Abschied. Kein Hinweis.

Danach: Stille.

Ich schreibe ihm. Warte. Schreibe erneut.


Keine Antwort.

Dieses Gefühl kenne ich. Es ist kein Gedanke, eher ein körperliches Wissen. Etwas stimmt nicht.

Ich versuche, ihn anzurufen. Mehrmals. Es geht jedes Mal sofort die Mailbox ran. Ist er womöglich in einem Funkloch? Aber so lange?


Erst Tage später, zurück zuhause, schreibe ich seiner Hausärztin eine E-Mail. Ich frage vorsichtig nach. Sage, dass ich mir Sorgen mache, weil ich nichts mehr von ihm höre.

Sie ruft mich an, statt auf meine Email zu antworten. Schon das beunruhigt mich. - Sie sagt mir in ruhigem und feinfühligem Ton, dass Martin tot ist.



Er starb im Norden Norwegens, allein in seinem Wohnmobil.


Es war kein Unfall.



Für einen kurzen Moment überkommt mich innerlich eine Welle und ich habe das Gefühl, es zerreißt mich. Ich bekomme am Telefon gerade noch die Kurve.


Ich habe mich gefragt, ob ich etwas hätte merken müssen.


Ob es Anzeichen gab.


Ob eine Nachricht anders hätte gelesen werden müssen.

Diese Fragen stellen sich leise. Sie gehen nicht wieder weg.

Und doch weiß ich: Menschen wie Martin tragen ihre Entscheidung oft lange mit sich. Sie wirken klar. Aufgeräumt. Zugewandt.


Sie verabschieden sich, ohne Abschied zu nehmen.


Heute sehe ich seine Verabschiedung bei der letzten Behandlung vor seiner Abreise ganz anders.

„Das war heute das letzte Mal“, sagte er.


„Ich wünsche Dir alles Gute und eine wunderschöne Reise.“

Er betonte dabei besonders „das letzte Mal“ und machte eine kurze Pause.


Damals wunderte ich mich darüber. Wir wollten uns im Januar wie gewohnt wiedersehen.


Ich dachte, er meinte dieses Jahr, 2025.

Mir war nicht klar, dass es für immer sein würde.



Chronischer Schmerz - er zermürbt.

Er verändert Wahrnehmung, Schlaf, Hoffnung.


Er macht das Leben nicht unerträglich an einem Tag, sondern Stück für Stück.


Martin war in meinen Augen kein schwacher Mensch. Er war ein echter Wikinger. Er wusste, dass dies ein Kampf ist, den er unter diesen Bedingungen nicht für ewig weiterführen wollte. Auch wenn es schmerzt, versuche ich, seine Entscheidung zu respektieren.


Und wünschte mir doch so sehr, wenn es für ihn eine andere Lösung gegeben hätte.


Martin, in meinen Gedanken ziehst Du mit Deinem Wohnwagen über das Gestirn der Lofoten.


Du bleibst in meiner Erinnerung.

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